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Dienstag, 22. Mai 2012
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Von Tschernobyl zum Bio-Boom

Immer für die Menschen da...

Die Katastrophe im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl im April 1986 veränderte die Welt. Vor allem für die Eltern kleiner Kinder konzentrierte sich die tägliche Mühe auf die Suche nach Lebensmitteln, die von der Atomwolke möglichst wenig beeinträchtigt worden waren. Das Wort Becquerel als Maßeinheit für die radioaktive Strahlung fand Eingang in unseren alltäglichen Wortschatz. Der Bio-Boom bekam einen kräftigen Schub, aber auch die Genossenschafts­idee. Denn überall schlossen sich vor allem junge Leute zusammen, um gemeinsam auf die Suche nach unbelasteter Nahrung zu gehen.

Es wurden landauf, landab Food-Kooperativen gegründet, die gemeinsam einkauften, um die Produkte dann in der Wohngemeinschafts-Küche, im Keller oder in einer Garage untereinander aufzuteilen. Dies waren Konsumgenossenschaften im ursprünglichsten Sinne, in aller Regel ohne Satzung, ohne Vorstand und ohne Aufsichtsrat. Aber aus diesen Initiativen schälte sich im Laufe der Zeit eine nicht geringe Zahl an Einkaufsgemeinschaften heraus, die feste Strukturen entwickelten und nicht wenige von ihnen nahmen schließlich auch die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft an.

In Ulm und um Ulm herum
Diese neuen Genossenschaften erinnern an die alte Zeit des ältesten Teils der heutigen coop eG, nämlich an die Konsumgenossenschaft Ulm. Diese wurde bereits 1866 gegründet als »Consum-Verein Ulm«. Einer Bekanntmachung über die Abgabe von Wein vom 13. Juli 1866 entnehmen wir, dass der Wein »in dem Vereinskeller Mohrenstraße 162 gelagert und zu den beigesetzten Preisen je am Mittwoch von 2 bis 5 Uhr an Vereinsmitglieder abgegeben wird.« Gleichzeitig wird mitgeteilt, »daß Lieferungen von buchenem Holz und von Torf in gutem Gange sind und daß für beides noch Anmeldungen gemacht werden können.«

1999 beschloss die Vertreterversammlung der Konsumgenossenschaft Ulm nach turbulenter Diskussion und vorhergehenden heftigen Auseinandersetzungen zwischen Aufsichtsrat und Vorstand, sich der coop Schleswig-Holstein eG anzuschließen. Die Genossenschaft wandelte sich in das Vertriebsgebiet Süd der Kieler coop, was gravierende Veränderungen nach sich zog. Die Verwaltung wurde in Kiel konzentriert. Kleine, unrentable Läden wurden geschlossen, wodurch sich die Anzahl der Standorte zunächst einmal fast halbierte. Die verbleibenden Märkte wurden nach dem norddeutschen Vorbild in sky-Betriebe umgewandelt und grundlegend modernisiert, wofür in erheblichem Umfang Geld in die Hand genommen werden musste. Steigende Umsätze haben diesen Einsatz gelohnt. Das Vertriebsgebiet Süd macht inzwischen einen Umsatz von über 150 Millionen Euro jährlich. Allerdings ist es für die norddeutsch geprägte coop nicht ganz einfach, das bis zur Schweizer Grenze reichende Vertriebsgebiet zu steuern, weshalb erst kürzlich beschlossen wurde, sich von den südlichen Märkten wieder zu trennen.

Messen und Trends
Im Jahr 2000 fand in Hannover die Weltausstellung statt. Dafür bewarb sich die coop als Exklusivgroßhändler für die Versorgung der Ausstellung mit Nahrungsmitteln und Getränken. Nacht für Nacht rollten die coop-Lastkraftwagen aus dem Lager
Güstrow auf das Hannoveraner Messegelände. Die Weltausstellung war mit ihren über 17 Millionen Besuchern durchaus ein Erfolg, keine der zuvor durchgeführten Ausstellungen hatte je mehr Gäste angezogen. Gleichwohl blieben die Zahlen deutlich hinter den Erwartungen zurück, weshalb das geschäftliche Ergebnis der Expo 2000 nicht gerade Begeisterung ausgelöst hat, was auch für die coop galt. Andererseits war es gut für das Renommee der Genossenschaft, dass sie bei einer solchen weltweit beachteten Veranstaltung als Exklusivlieferant auftreten konnte.
Der Bio-Trend hat, zunächst kaum bemerkt, einen Boom der regionalen Produkte nach sich gezogen. Immer mehr Menschen wollen wissen, woher die Nahrungsmittel kommen. Sie interessieren sich für die Umstände, unter denen sie gewachsen und geerntet worden sind und wie mit den Menschen umgegangen wird, die diese Arbeit verrichten.

Regionale Produkte haben den Vorzug, da ihr Transport nur über eine kurze Strecke und damit umweltschonend erfolgt. Regionale Produkte sind aber vielfach solche, bei denen das Angebot der Saison entspricht und wo nicht durch das Ignorieren der Saisonalität ein großer Aufwand an natürlichen Ressourcen betrieben wird. Regionale Produkte haben den Vorteil, dass man sich, wenn man will, die Produktionsbetriebe ansehen kann, und dass man weiß, wie es in diesen Betrieben zugeht.

Nordisch frisch
Die Ausdehnung des Vertriebsgebietes der coop Schleswig-Holstein nach Mecklenburg verlieh dem Wunsch nach Regionalität einen besonderen Antrieb, denn die ostdeutschen Kunden vermissten vielfach ihre traditionellen Produkte und waren keineswegs erpicht darauf, nur typisch westdeutsche Waren zu kaufen. Und so entstand bei der coop in Kiel die Idee, die Marke »Unser Mecklenburger« zu schaffen und unter dieser Marke nur Produkte zu verkaufen, die in Mecklenburg hergestellt worden waren. Dieses 2003 lancierte Konzept schlug sofort ein. Die Menschen hatten auf das regionale Angebot geradezu gewartet. Der Erfolg führte jedoch dazu, dass bei der coop nach kurzer Zeit Überlegungen angestellt wurden, ob man diese Idee nicht auf das gesamte Vertriebsgebiet im Norden ausdehnen könne. Meinungsumfragen ergaben, dass sich die Menschen im Norden Deutschlands mit dem Begriff »Norden« hochgradig identifizieren. Und so wurde beschlossen, das Konzept »Unser Mecklenburger« unter der Bezeichnung »Unser Norden« neu aufzulegen.

Der Start war im Januar 2005 und wieder stellte sich der Erfolg aus dem Stand heraus ein. Es war aber für das coop-Marketing und den Einkauf nicht einfach, die geeigneten Lieferanten zu finden und sie von diesem Markenkonzept zu überzeugen. Aber der Erfolg setzte sich durch.

Das Besondere der »Unser Norden«-Produkte liegt in ihrer hohen, verlässlichen Qualität, aber auch darin, dass auf jeder Packung angegeben wird, wo das Produkt hergestellt worden ist. Und damit unterscheidet sich »Unser Norden« von den allermeisten Markenprodukten wie No-Name-Produkten, die meist nur eine belanglose Büroadresse auf der Packung angeben, nicht aber den Ort, wo die Herstellung erfolgt ist. Die Nähe und die Nachvollziehbarkeit des Herstellungsortes erweist sich als ein wesentlicher Pfeiler des Kundenvertrauens in die Marke »Unser Norden«.

Starke Partner für eine starke Zukunft
Zur Festigung der Stellung der coop in dem umkämpften Markt des Lebensmitteleinzelhandels wurde 2005 die grundlegende Erneuerung der Genossenschaft begonnen und Ende 2008 erfolgreich abgeschlossen. Die Neueröffnungen und Umstellungen auf die aktuellen Frischekonzepte der Vertriebslinien plaza und sky sowie die gezielte Ausrichtung der Sortimente an den Wünschen der Kunden verschafften der coop deutliche Umsatzzuwächse. Die konsequente Ausrichtung auf die Sortimente Fleisch/Wurst-Bedienung, Obst und Gemüse, Molkereiprodukte und die Eigenmarken »Unser Norden« sowie »Landklasse« hat hierzu wesentlich beigetragen. Endgültig verabschiedet hat sich die coop von der Marke »Wandmaker«; alle ehemaligen Wandmaker-Märkte segeln seitdem unter der Flagge von sky.

In der Zentrale wurden viele organisatorische Veränderungen umgesetzt, vor allem in der Warenwirtschaft und Logistik sowie bei den Kassen- und Informationssystemen. Für die Erneuerung der coop wurden in den Jahren 2005 bis 2008 insgesamt
220 Millionen Euro investiert.

Darüber hinaus wurde mit der REWE-Group die Warenbeschaffung und die Frischelogistik als Teil des Erneuerungsprogramms neu gestaltet. Die REWE aus Köln ist die Nummer zwei des deutschen Lebensmitteleinzelhandels. Sie ist eine Genossenschaft von Einzelhändlern, die auf internationaler Ebene eng mit der Coop Schweiz zusammenarbeitet, einer der erfolgreichsten europäischen Konsumgenossenschaften. Unsere coop kauft günstiger ein, kann ihren Kunden und Mitgliedern bessere Preise bieten und erzielt so mehr Umsatz, was ihrer nachhaltigen Stärkung dient.Dr. Burchard Bösche

Als Exklusivlieferant belieferten die coop-Lastwagen die Expo 2000 in Hannover - damals noch unter altem plaza-Logo.
Die blauen Qualitätsmarke »Unser Norden« steht seit 2005 für kontrollierte Lebensmittel von Herstellern aus der Region. Zum Sortiment gehören zahlreiche Produkte in Bio-Qualität sowie Non-Food-Artikel.