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Ein ungleicher Kampf
Die Konsumgenossenschaften bekommen die Macht und Gewalt der Nationalsozialisten zu spüren.
Die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise beendete die »Goldenen Zwanziger«. Über sechs Millionen Menschen waren 1932 arbeitslos. Die Konsumgenossenschaften spürten wie auch andere Unternehmen den dramatischen Kaufkraftverlust. Hinzu kamen immer aggressivere Angriffe der Nationalsozialisten auf die Konsumgenossenschaften.
Die »NS-Hago« (Nationalsozialistische Handels- und Gewerbeorganisation) verbreitete Parolen wie »Kauft nicht im Konsumverein!« und sie richtete Büros ein, um für den Austritt aus den Konsumgenossenschaften zu werben. Diese Aktivitäten richteten sich in gleicher Weise gegen die der Arbeiterschaft zugerechneten Konsumgenossenschaften wie gegen die als jüdisch verschrienen Kaufhäuser.
Die Genossenschaften werden unterwandert
Es blieb nicht bei Parolen. In der Neujahrsnacht 1931 wurde ein Gebäude der Hamburger Konsumgenossenschaft »Produktion« mit meterhohen Hakenkreuzen und mit »Heil Hitler« beschmiert. 1932 wurde in Eutin ein Laden der Konsumgenossenschaft Lübeck durch Handgranaten zerstört. Und im selben Jahr schlugen Nazis in Hamburg Schaufensterscheiben der Konsumgenossenschaft ein. Der Schaden betrug 45 000 Reichsmark.
Die »Produktion« richtete daraufhin einen genossenschaftlichen Ladenschutz ein, an dem sich 5000 Mitglieder beteiligten, die Nacht für Nacht die Läden bewachten. Das war durchaus nicht ungefährlich, gelegentlich wurde auch geschossen. Der nationalsozialistische Thüringer Finanzminister Marschler erklärte auf einer Einzelhandelstagung im Herbst 1932 in Weimar, er werde den »Kampf gegen Warenhäuser und Konsumvereine bis aufs Messer führen«.
Besonderer Hass richtete sich gegen Adam Remmele, der als Vorstandsmitglied des Zentralverbandes Deutscher Konsumgenossenschaften nicht müde wurde, vor den Nazis zu warnen. Er schrieb: »Die Genossenschaft soll gestürmt werden … noch ist das Letzte nicht verloren, die Kameradschaft! Der Geist der Verbundenheit muss sich neu bewähren. Wer bisher nur dabei war egoistischer Vorteile wegen, mag fahren dahin. Wir anderen aber, wir, denen die Genossenschaft mehr ist als ein augenblicklicher Notbehelf, wir, die wir in der Genossenschaft die Grundlage der neuen Welt erkannt haben, wollen in treuer Kameradschaft der Zukunft entgegen schreiten und kämpfen für ein neues edleres Menschengeschlecht.« In der Nacht vom 4. auf den 5. Mai 1933 wurde Remmele in seiner Hamburger Wohnung verhaftet, in ein Konzentrationslager gebracht und von der SA gefoltert.
Nichts geht mehr
Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler wurden die bisherigen Nadelstiche der NS-Organisationen zu staatlicher Politik gegen die Konsumgenossenschaften. Die Vorstände und Aufsichtsräte der Konsumgenossenschaften wurden mit treuen Parteigängern der Nationalsozialisten besetzt. Allerdings waren darunter nicht wenige, die keine Ahnung vom Einzelhandel hatten und entsprechend die Unternehmen herunterwirtschafteten. Immer wieder gab es Korruptionsfälle bei den NS-Bonzen, sodass die verdrängten genossenschaftlichen Leitungskräfte wieder nachrückten.
1936 wird in einem geheimen Memorandum der Nazis festgestellt, dass die Konsumgenossenschaften ein Sammelbecken politisch unzuverlässiger Elemente seien, die eine staatsfeindliche Beeinflussung der Mitgliederkreise betrieben.
Schon 1933 war mit dem Rabattgesetz die Rückvergütung der Genossenschaften an ihre Mitglieder auf drei Prozent begrenzt worden, um die Mitgliedschaft in der Konsumgenossenschaft wirtschaftlich unattraktiv zu machen. Der nächste gesetzliche Schlag erfolgte 1935 mit dem »Gesetz über Verbrauchergenossenschaften«. Es machte die Neugründung von Genossenschaften praktisch unmöglich, verbot ihnen, Spareinlagen ihrer Mitglieder anzunehmen und ordnete darüber hinaus die Auflösung der bestehenden Spareinrichtungen an, wodurch den Genossenschaften der Zugang zu günstigen Finanzmitteln für die Finanzierung ihrer Investition abgeschnitten war.
Das Gesetz bildete weiterhin die Grundlage für die Zwangsliquidierung »lebensunfähiger« Konsumgenossenschaften. 72 Genossenschaften, darunter vor allem große, mussten daraufhin ihre Liquidation beschließen, unter anderem auch der Kieler AKVK und die Konsumgenossenschaft Lübeck. Viele Läden wurden allerdings von den bisherigen Ladenleitern gepachtet, die sie nach dem Ende der NS-Zeit wieder an die Genossenschaft zurückgaben.
Für die Nazis kriegswirtschaftlich effizient
Hatten die Nationalsozialisten vor 1933 ihrer kleinhändlerischen Anhängerschaft versprochen, die Konsumgenossenschaften zu zerstören, so musste diese enttäuscht registrieren, dass zwar die demokratischen Genossenschaften zerschlagen wurden, nicht aber die modernen Ladennetze und Produktionsbetriebe. Diese wurden vielmehr als kriegswirtschaftlich wichtig eingestuft und von dem »Gemeinschaftswerk der Deutschen Arbeitsfront GmbH« bis zum Kriegsende weitergeführt.
Zahlreiche verantwortliche Leiter der Konsumgenossenschaften wurden verhaftet, gefoltert und in Konzentrationslager gebracht. 1942 starb das frühere Vorstandsmitglied der Hamburger Konsumgenossenschaft »Produktion«, Max Mendel, im Konzentrationslager Theresienstadt.
Noch im April 1945 versuchte die Nazi-Geschäftsführung des »Gemeinschaftswerks«, die konsumgenossenschaftlichen Unternehmen an den Reemtsma-Konzern zu verkaufen. Sie scheiterte jedoch an der Langsamkeit des Handelsregisters. Die notwendigen Eintragungen erfolgten nicht mehr, bevor die britischen Truppen Hamburg besetzt hatten.
Dr. Burchard Bösche







