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Samstag, 19. Mai 2012
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Dringende Herzensangelegenheiten

Im Kinderherzzentrum Kiel erhalten herzkranke Kinder eine Chance auf Leben.

Jedes Jahr kommen in Deutschland rund 7000 Kinder mit einem angeborenen Herzfehler auf die Welt. Davon sind zirka zwei Drittel der Herzerkrankungen behandlungsbedürftig. Das heißt, die Kinder müssen am Herzen operiert oder mit Katheterverfahren behandelt werden. Im Kinderherzzentrum in Kiel werden heute 330 Operationen pro Jahr durchgeführt.

Unter der Leitung des Kinderkardiologen Prof. Dr. Hans-Heiner Kramer und des Kinderherzchirurgen Dr. Jens Scheewe spezialisierte sich das Kieler Kinderherzzentrum auf die Behandlung von Kindern, die mit nur einem halben Herzen geboren wurden.

Experten für Kinderherzen
Der Erfolg des Kinderherzzentrums kann sich sehen lassen. Seit Beginn ihrer »Entwicklungsarbeit« Anfang der 1990er-Jahre hat sich die Sterblichkeit dieser Kinder drastisch von 20 bis 25 Prozent auf nur noch zwei Prozent gesenkt. »Dies liegt nicht nur an den verbesserten Operationsmöglichkeiten, sondern auch an der postoperativen Behandlung, die aufgrund intensiver klinischer Forschung verbessert werden konnte«, erläutert Prof. Dr. Kramer.

Als der ausgebildete Kinderarzt 1992 von Düsseldorf, wo er als stellvertretender Abteilungsleiter der Kinderkardiologie tätig war, nach Kiel kam, sah hier auf der Station noch vieles anders aus. Weniger als 100 Kinder wurden damals jährlich in der Kieler Klinik behandelt. Erst durch den Aufbau eines Netzwerkes über die Grenzen von Schleswig-Holstein hinaus ist die Zahl der behandelten Kinder gestiegen. Viele Kinder kamen von nun an ebenfalls aus Niedersachsen und aus Mecklenburg-Vorpommern ins Kieler Klinikum.

Damit hat auch die Qualität der Behandlung zugenommen. Denn je mehr Patienten behandelt werden, umso mehr Erfahrung können die Ärzte vor Ort sammeln und ihre Arbeit verbessern. Notwendige Umbaumaßnahmen der Station, bei denen vor allem im intensiv-medizinischen Bereich kurze Wege für den Krankentransport eingerichtet wurden, schafften weitere gute Voraussetzungen.

Nach vier Jahren Vorbereitungen konnten ab 1996 dann die ersten Operationen von Kindern mit »halbem Herzen« erfolgen. Die Diagnose dieses Herzfehlers, bei dem die linke Herzkammer fehlt, ist schon während der Schwangerschaft möglich und erfordert bereits nach der Geburt den ersten operativen Eingriff.

Bis heute wurden insgesamt 200 Neugeborene mit nur einer Herzkammer operiert. Das Kinderherzzentrum in Kiel weist damit deutschlandweit die größte Anzahl an derartig durchgeführten Operationen auf und hat sich auf diesem Gebiet nicht nur in Deutschland einen Namen gemacht. Sogar Eltern aus dem Ausland wenden sich Hilfe suchend an Prof. Dr. Kramer.

Langzeitprognosen gestalten
Doch die Behandlung herzkranker Kinder geht weit über die erste Operation hinaus. Eine regelmäßige Nachsorge ist ebenso wichtig – nicht zuletzt, um daraus Empfehlungen für die Zukunft aussprechen zu können. In diesem Bereich sieht Prof. Dr. Kramer verstärkten Handlungsbedarf: »Uns fehlen bislang aussagekräftige Beobachtungen aus Langzeitstudien. Vor einigen Jahrzehnten war die Behandlung von Herzfehlern noch nicht so ausgereift wie heute. Uns interessiert vor allem, wie Jugendliche und junge Erwachsene heute mit ihren behandelten Herzfehlern leben und was wir an unseren Behandlungsmethoden verbessern müssen, um negative Folgen auszuschließen.«

Durch sportliche Leistungstests, psychologische Entwicklungsuntersuchungen und ganz speziellen kardiologischen Untersuchungen werden die Erfolge und die weitere Entwicklung der Kinder und Jugendlichen geprüft und dokumentiert. Aus diesen Ergebnissen werden anschließend neue Untersuchungs-, Behandlungs- und Operationsverfahren abgeleitet, um für Kinder mit angeborenem Herzfehler langfristig eine optimale Betreuung sicherzustellen.

Forschung rettet Leben
»Viele Menschen vergessen oft, wie wichtig die Forschung neben der aktuellen Behandlung ist«, betont Prof. Dr. Kramer. »Unsere Behandlungserfolge wären ohne gleichzeitige intensive Forschungsarbeiten gar nicht möglich.« Diese Fortschritte und die dazu nötige Forschungsarbeit zu gewährleisten, sind die Hauptziele der Stiftung KinderHerz. Die deutschlandweit tätige Stiftung unterstützt das Kinderherzzentrum Kiel mit wichtigen Förderprojekten, die durch Spendengelder ermöglicht werden.
»Wir und vor allem unsere kleinen Patienten und Familien sind sehr dankbar über die Zusammenarbeit mit der Stiftung KinderHerz. Die Spendengelder fließen direkt in die Forschungsarbeit«, bemerkt Prof. Dr. Kramer hoffnungsvoll. »Wenn wir den medizinischen Fortschritt mit stetig verbesserten Konzepten weiter voranbringen, können wir vielen Kindern eine gute Zukunft ermöglichen.«anis

Das Treppenhaus des Kinderherzzentrums wurde vor Jahren von außen mit Motiven verschönert, die ein herzkranker Junge gemalt hat.
Modernste Technik steht für notwendige Herzkatheteruntersucheungen bereit.
Prof. Dr. Kramer kennt seine Patienten: Zu Nachuntersuchungen und weiteren Behandlungen müssen die Kinder regelmäßig ins Kinderherzzentrum kommen.
Fotos: coop, Anika Spallek (4)