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Samstag, 19. Mai 2012
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Der organisierte Konsum

Immer für die Menschen da... 110 Jahre coop

Die Zeit vor 1933: Die Konsumgenossenschaften streben nach Unabhängigkeit.
Die Konsumgenossenschaften vertraten in der Zeit vor 1933 das Prinzip des »organisier-ten Konsums«. Gemeint war damit, dass möglichst viele Verbraucher sich in den Kon-sumgenossenschaften zusammenschließen sollten, um dann gemeinsam die für die Ver-sorgung erforderlichen Waren zu beschaffen.


Der Gesetzgeber hatte mit seinem Verbot des Verkaufs an Nichtmitglieder dafür gesorgt, dass die Konsumgenossenschaften sich zu mehr oder weniger geschlossenen Einheiten entwickel-ten. Um bei ihnen einkaufen zu können, musste man zuerst Mitglied werden. War man Mitglied geworden, dann wurde erwartet, dass möglichst der ganze häusliche Bedarf über die Konsum-genossenschaften gedeckt wurde.


Qualität und faire Löhne

Das oberste Ideal dieser Bedarfsdeckung in guter Qualität zu günstigen Preisen war dabei die Eigenproduktion durch die Genossenschaft. Sie gewährleistete, dass man die Qualität unter Kontrolle hatte und nicht von irgendwelchen Fabrikanten abhängig war. Für die den Gewerk-schaften nahestehenden Konsumgenossenschaften war es aber auch wichtig, dass die Arbei-ter, die die Produkte herstellten, anständig behandelt und tarifgerecht entlohnt wurden.

So lehnten sie beispielsweise den Vertrieb von Zigarren ab, die in Gefängnissen oder in Heim-arbeit hergestellt worden waren. Stattdessen propagierten die Konsumgenossenschaften den Kauf von Tabakwaren aus den drei eigenen Fabriken der Großeinkaufs-Gesellschaft deutscher Consumvereine (GEG). Und selbst Kautabak wurde in einer eigenen Fabrik in Nordhausen am Harz hergestellt. Hier handelte es sich um einen kleinen Betrieb, der zunächst als Genossen-schaft von Kautabakarbeitern gegründet worden war, die infolge eines Arbeitskampfes entlas-sen worden waren.


Der Schritt zur Eigenproduktion


Wie viele Konsumgenossenschaften hat der Kieler Konsumverein bereits bald nach seiner Gründung eine eigene Bäckerei eingerichtet und diese ständig modernisiert und vergrößert. Der Vertrieb der frischen Backwaren erfolgte außer in den »Kolonialwaren«-Läden durch spezielle Backwarenverteilungsstellen, von denen es 1930 alleine 15 gab.

Schwieriger war die Einrichtung eigener Fleischwarenbetriebe, weil man für die Verteilung noch nicht die heute selbstverständlichen Kühltransporter hatte. Trotzdem war die eigene Fleischwa-renfabrik der Stolz aller größeren Konsumgenossenschaften, so auch des Kieler Allgemeinen Konsumvereins. Für Fleisch und Fleischwaren gab es spezielle Schlachterläden, insgesamt 24. 1930 wurden in der Fleischwarenfabrik über 16 000 Stück Vieh geschlachtet und dazu noch 280 Tonnen Gefrierfleisch verarbeitet. Der Verkauf von Frischfleisch und Wurst- und Fleischwa-ren machte 1930 über 1700 Tonnen aus. Neben den Konsumgenossenschaften betrieb auch die Großeinkaufs-Gesellschaft GEG mehrere Fleischwarenbetriebe, darunter die größte Fleischwarenfabrik Europas, die Fleiwa in Oldenburg.

Neben den Backwaren- und den Fleischwarenbetrieben unterhielt die Kieler Konsumgenossen-schaft noch eine eigene Kaffeerösterei, eine Butterabpackerei und eine Brauselimonade- und Selterwasserfabrikation.


Der genossenschaftliche Großhandel


Auch eine große Konsumgenossenschaft wie die Kieler AKVK konnte nicht alles produzieren, was ihre Mitglieder verbrauchten. Anders sah es schon bei der Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine aus, die im ganzen Reich 54 Betriebe unterhielt, in denen sie neben den bereits erwähnten Tabakwaren unter anderem Seife, Schuhcreme, Malzkaffee, Käse, Bürs-ten, Tischbestecke, Textilien und sogar Streichhölzer produzierte.

Zu den Betrieben gehörte ein eigenes großes Landgut, auf dem Obst und Gemüse angebaut wurde, das man in der nahe gelegenen Konservenfabrik in Stendal verarbeitete. Darüber heißt es im Geschäftsbericht für 1930: »Der Verein bezieht den ganzen Bedarf aus der Gemüse- und Obstkonservenfabrik der Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine m.b.H in Sten-dal und den Mitgliedern ist dadurch die Gewähr gegeben, einwandfreie Ware und volles Ge-wicht in den Dosen zu bekommen. Von einzelnen Mitgliedern ist im Laufe des Jahres über zu hohe Preise der einzelnen Packungen geklagt und versucht worden zu beweisen, dass ander-weitig die Konserven billiger verkauft werden. Nachforschungen, die wir anstellten, ergaben aber, dass die billigeren Packungen in Qualität sehr zu wünschen übrig ließen und der Inhalt nicht immer das Gewicht zeigte wie unsere Packungen.« 1930 wurden vom Kieler AKVK aus der Stendaler Produktion 57 000 Dosen Obst- und Gemüsekonserven verkauft.

Insgesamt war das Jahr 1930 für die Genossenschaft ein schwieriges Jahr, stieg doch die Zahl der Erwerbslosen beim Arbeitsamt Kiel von 15 000 im Januar auf 20 000 im Dezember. Zwar konnte die Mitgliederzahl um fast 900 gesteigert werden, gleichwohl ging der Umsatz in diesem Jahr um 8,7 Prozent zurück.

Dr. Burchard Bösche

Teilansicht der 1930 eröffneten Bäckerei, die Bilder sind aus dem Geschäftsbericht von 1930 entnommen.
Innenansicht der Verteilerstelle 32 in der Schönberger Straße in Kiel-Wellingdorf.
Geschäftsbericht von 1930.
In der damaligen Fleisch- und Wurstfabrik wurde der Fleischbedarf für die Mitglieder hergestellt. Fotos: coop (4)