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Samstag, 19. Mai 2012
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Und noch mal mit Gefühl

Tier und Mensch: Der Waschbär

Heißt der Waschbär Waschbär, weil er einen Waschzwang hat? Könnte man meinen – ist aber nicht so! Später mehr dazu, wie sehr er uns diesbezüglich einen  Bären aufbindet.
Unbestritten aber ist, dass er, der einst ausschließlich in Pelztierfarmen anzutreffen war, nunmehr der eigentliche König von Stadt, Land und Fluss ist. Den meisten ist Rocky eher als italienischer Hengst denn als Waschbär geläufig. Genau dieser waschbär-
bäuchige, echte Namensvetter aber sollte 1980 eigentlich das Maskottchen für die Winterspiele in Lake Placid werden.

Ans olympische Motto – „Dabei sein ist alles“ – hielt er sich allerdings nicht. Noch vor der Eröffnungszeremonie segnete er das Zeitliche. Ein neues Maskottchen musste her. Kurzerhand entwarf der Designer Don Moss die Figur eines Waschbären auf Schlittschuhen, Roni genannt. Die Namenswahl kam nicht von ungefähr. Roni ist bei den Irokesen das Wort für den Waschbären.

US-Import mit Folgen
Mit einer billigen Kopie des Originals müssen wir uns längst nicht mehr zufrieden geben. Seit Mitte der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts durchstreift Procyon lotor, so der zoologische Name, auch unsere heimische Fauna und Flora. Er gilt als Neozoon. Per Definition sind dies Tiere, die vom Menschen bewusst oder unwissentlich in andere Gebiete gebracht wurden und sich dort verbreitet haben.

Geschuldet ist die Immigration in diesem Fall wohl dem ehemaligen Forstamtsleiter Sittich von Berlepsch aus Vöhl am Edersee. Der bekam von einem befreundeten Züchter aus dessen Farm vier Tiere angeboten, die dieser „aus reiner Freude, unsere Fauna bereichern zu können“ zur Verfügung stellte.

Schon damals betrachtete man die Auswilderung mit Skepsis. Denn wo in Nordamerika Luchse, Kojoten, Schlangen und Wölfe für ein Gleichgewicht sorgen, fehlt es in Deutschland an natürlichen Feinden des Kleinbären in entsprechender Menge. Infolgedessen kam es zu einem regelrechten Baby-Boom. Waren die Waschbären anfänglich in ihrer neuen Heimat noch etwas verhalten – 1956 wurden 285 Tiere in freier Wildbahn gezählt – explodierte das Wachstum in den Folgejahren geradezu. 1970 waren es bereits 20 000 Exemplare und heute befindet sich der Waschbärbestand irgendwo im sechsstelligen Bereich.

Einladung zum Maskenball
Zorro könnte es nicht besser machen. Typisches Merkmal der Waschbären ist ihre schwarze Maske, die umspielt wird von weißen Gesichtsanteilen. Der gemeine Waschbär bringt es in der Regel bei einer Schulterhöhe von 25 cm auf ca. 70 – 80 cm Körperlänge. Im Vergleich zu anderen Bären fällt sein Gewicht gering aus: 5 – 10 kg schlagen hier zu Buche. Erst im Winter kommt der berühmte Waschbärbauch so richtig zur Geltung. Mit Winterspeck wiegen die Tiere durchschnittlich 50 % mehr als im Frühling, in Einzelfällen sogar bis zu 20 kg. Der Waschbär hält übrigens nur eine Winterruhe. Das heißt, weder sinkt die Temperatur, noch verringert sich die Anzahl seiner Herzschläge.

Die Lebenserwartung der Allesfresser schwankt je nach äußeren Umständen. In Gefangenschaft gehaltene Tiere werden bis 20, frei lebende Exemplare selten älter als 12 Jahre alt. Der Säuger ist äußerst anpassungsfähig. Längst hat er suburbanes und städtisches Terrain als Lebensraum gewonnen, lebt vorzugsweise in waldnahem Gebiet mit hohem Grünflächenanteil. Kassel ist die Waschbären-Hochburg in Deutschland. Hier kommen auf 100 ha Fläche etwa 100 der Säugetiere.

Ein sinnen-volles Leben
Waschbären sehen alles schwarz-weiß. Macht ja nichts, wenn dafür die anderen Sinne umso ausgeprägter sind. Mit ihrem Gehör sind sie in der Lage, die Geräusche von sich im Boden befindenden Regenwürmern auszumachen. Ihre Hörgrenze liegt bei 50 – 85 kHz (der Mensch hört bis max. 20 kHz). Per Duftmarken und speziellen Drüsensekreten kommunizieren die Tiere.

Die eigentliche Stärke aber liegt in ihren haptischen Fähigkeiten, Waschbären haben einen ausgeprägten Tastsinn. Sorgfältig tasten sie mit ihren Vorderpfoten Nahrung und andere Gegenstände ab. Die Angewohnheit, dies auch gerne mal in seichten Gewässern zu tun, hat uns glauben lassen, er putze seine Nahrung. Gewaschen hat sich dagegen das Erinnerungsvermögen des Bären. Hat er z. B. erst mal die Kombination für das Schloss eines Futterbehälters erfühlt, kann er diese Information noch Jahre später abrufen.
ath

Fotos: shutterstock.de (4)