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Samstag, 19. Mai 2012
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Dieser Käfer führt ein Doppelleben

Maikäfer – der „geliebte Schädling“

Jedes Jahr im Mai krabbelt er wieder aus der Erde: der Maikäfer. Er hat viele Namen: „Müller“, „König“ und „Kaminfeger“ –
aber egal, wie man ihn nennt, eines gilt immer: Tritt er als Einzelgänger auf, heißt man ihn als Frühlingssymbol willkommen. In Massen aber gleicht er einem geächteten Übeltäter.

Denn blickt man auf seine Geschichte, so steht in der Vergangenheit weniger die Faszination gegenüber diesem gemütlichen Brummer im Vordergrund als dessen Bekämpfung.

Vier Jahre im Erdboden

Wussten Sie, dass der Maikäfer – genau genommen der Feldmaikäfer (Melolontha melolontha) – bereits 4 Jahre alt ist, wenn er das erste Mal aus der Erde kommt? Es ist nämlich so: Die Maikäferweibchen, die aus der Familie der Blatthornkäfer stammen und wie alle Maikäfer etwa nur 2 – 3 cm lang werden, legen nach der Paarung im Frühling ihre Eier in den Boden. Die da raus schlüpfenden Larven, die Engerlinge, leben vorerst in der Erde und ernähren sich von den Wurzeln verschiedener Pflanzenarten, wie z. B. den Wurzeln des Löwenzahns. Nach zweimaligem Überwintern verpuppen sich dann die Larven – immer noch im Erdboden! Im Herbst schlüpfen die fertigen Käfer, bleiben aber bis zum folgenden Frühling in ihrer Puppenwiege und kriechen danach erst aus der Erde. Haben Sie mitgerechnet? Ja, die Entwicklung eines Maikäfers unter der Erde dauert insgesamt 4 Jahre! Alle Achtung.

Ein großer Hunger

Maikäfer waren in Europa ursprünglich einmal sehr weit verbreitet, inzwischen sind sie jedoch selten geworden. Heute kann man die Maikäfer noch gelegentlich dabei beobachten, wie sie an einem Frühlingsabend in Laubwäldern und an Waldrändern herumfliegen.
Doch mit dem gemütlichen Herumfliegen war’s nicht immer getan. Der Maikäfer konnte auch anders: Denn sowohl als Engerling als auch als erwachsener Käfer hat der Maikäfer in der Vergangenheit erhebliche Schäden an der Vegetation angerichtet, vor allem dann, wenn er in Massen auftrat. Innerhalb weniger Wochen fraßen die Käfer manchmal ganze Kulturen unter und über der Erde kahl und vernichteten damit die Arbeit von Jahren. Die Obstbaumzucht war besonders betroffen, denn sie gingen auch an die Blüten. Auf den Feldern fielen sie über Rüben, Hanf, Raps, Klee, Kraut und Hülsenfrüchte her, im Garten waren es Erdbeeren und Salat, im Wald die Laubbäume. Daher ist es nur verständlich, dass sie intensiv bekämpft werden mussten.

Ärger mit dem Gericht

Im Jahr 1320 beispielsweise befahl man den Maikäfern in Avignon (absurderweise!) per Gerichtsbeschluss, dass sie sich „binnen drei Tagen auf ein ihnen durch Tafeln bezeichnetes Feld zurückzuziehen hätten, woselbst Nahrung für sie vorhanden sei, und dass die Zuwiderhandelnden als vogelfrei behandelt und ausgerottet werden sollten“.

Und noch in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurden oft ganze Schulklassen mit ihren Lehrern abgeordnet, Maikäfer einzusammeln, per Hand sozusagen. Man machte sich schon in den frühen Morgenstunden auf den Weg in den Wald, nämlich dann, wenn die Maikäfer von der Kühle erstarrt und träge von den nächtlichen Fressgelagen auf den Bäumen ruhten. Bevor die Äste nun kräftig geschüttelt wurden, legte man Tücher aus, um sich das Zeit raubende Auflesen zu ersparen. Wenn man erfolgreich war und viel erreicht hatte, gab es hinterher zur Belohnung oft schulfrei.

In den 50er-Jahren ging man dann mit harten Bandagen zur Sache und zwang mithilfe chemischer „Radikalkuren“, mit Insektiziden nämlich, ganze Populationen in die Knie. Nur litt darunter natürlich auch die Bepflanzung der Felder. Solche chemischen Maikäferbekämpfungsmittel sind heutzutage in Deutschland nicht mehr zugelassen.

Trotzdem ein beliebtes Kerlchen?

Aber so gänzlich gegen die Maikäfer war man dann offenbar auch wieder nicht eingestellt. Zumindest legen das Kinderlied „Maikäfer, flieg!“ oder der fünfte Streich aus Wilhelm Buschs Max und Moritz, „… doch die Käfer, kritze, kratze!, kommen schnell aus der Matratze …“, auf literarische Weise Zeugnis über die Beliebtheit des dicken Brummers ab.

Eine ganz andere Maikäferinvasion brach dann noch um 1900 ins Land, auf dem Postweg sozusagen. Da saßen plötzlich die Maikäfer nicht nur auf den Bäumen, sondern auch auf Postkarten. Es war nämlich in Mode gekommen, sich mit der so genannten „Privatpostkarte“, die offiziell seit 1890 von der Post befördert wurde, „Fröhliche Pfingsten“ zu wünschen. Das vorrangige Motiv? Ja, der Maikäfer! Aufs Freundlichste vermenschlicht saßen die Käfer nun beim Picknick, prosteten sich mit einem Gläschen Maibowle zu, rauchten ein Pfeifchen, angelten am Teich oder trieben Sport.

Nun, irgendetwas scheint tatsächlich dran zu sein, an der Geschichte über sein Doppelleben …

chris

Fotos: mcm-Archiv (2), Dr. Stephan Roscher (3)